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Mythologie
Sowohl in der christlichen als auch in der mohameddanischen Religion hatte das Straußenei seine Bedeutung: In ihren Moscheen hing das Straußenei als Symbol für das Auge Gottes, als Zeichen seiner Allgegenwart. An den kargen, oft dornigen Sträuchern am Rande der Wüste leuchteten die Straußeneier als Votivgaben für die Bitte um Kindersegen.
In hervorragendem Maße entsprach das Straußenei der sakralen Würde, die man dem Zeichen des Eies zulegte. Da war sein Volumen, die Reinheit und Festigkeit der Schale, die makellose Wölbung, vor allem aber die Herkunft vom Strauß, dem größten märchenhaft-paradiesischen Vogel, den man zum Zeichen der unbefleckten Empfängnis der Gottesmutter erwählte. Denn der Legende nach ließ er seine im Wüstensand liegenden Eier von den Strahlen der Sonne ausbrüten.
Straußeneier, oft in Silber, kostbare Steine und Perlen gefasst, dienten als Requisiten im kultischen Osterspiel des Klerus in mittelalterliche Kathedralen. Die Straußeneier wurden das Jahr über in der unterirdischen Krypta der Kirchen aufbewahrt. In der Frühe des Ostermorgens holte sie die Geistlichkeit aus der Verborgenheit, formierte sich in Reih und Glied und schritt oben im Altarraum einen festlichen Reigen, einen geistlichen Tanz. Das Ei hoch in den erhobenen Händen haltend, defilierte man vor dem auf seinem Thron sitzenden Bischof mit dem Rufe: Christus resurrexit (Christus ist auferstanden). Ebenso feierlich erfolgte der Abschluß und das Niederlegen des Eies in der Krypta. Dort ruhte es wieder bis zum nächsten Osterfest. Erst der Ausbruch der Revolution beendete diese Sitte in den französischen Kathedralen. Noch in unserer Zeit hängen schimmernd im Ebenmaß ihrer Rundungen Straußeneier an den Kronleuchtern in alten Klosterkirchen.
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